On-Air-Kampagne der Lokalradios gegen den Bürgerfunk

Zu den Lokalradiobeiträgen vom 16.06.14 zur LMG-Novelle

Einige Lokalradios berichteten heute – zwei Tage vor einer wichtigen Ausschusssitzung im Landtag – im aktuellen Programm zur Kontroverse um die Bürgerfunk-Sendezeit bei der laufenden Novelle des Landesmediengesetzes.

Wir sind befremdet über das Zustandekommen der ausgesprochen einseitigen Beiträge, die uns im Vorhinein als “journalistisch ausgewogen” angekündigt wurden. Wohl um uns zu überzeugen, als Interviewpartner zur Verfügung zu stehen. Letztlich kommt der Bürgerfunk in keinem der Beiträge mit einer einzigen Silbe zu Wort. Ausgewogenheit à la Lokalfunk NRW? Sicher der beste Beweis, dass es im Monopolmodell einen lebensfähigen Bürgerfunk als Vielfaltsreserve braucht! Und auch kein gutes Beispiel journalistischer Redlichkeit für “Amateurfunker”, wie Bürgerfunk-Aktive in den Lokalfunk-Beiträgen genannt werden. Soviel vorab, nun zum Inhalt.

Die Positionen beider Seiten werden zwar dargestellt. Zu Wort kommen aber überwiegend Vertreter des Verbandes der Veranstaltergemeinschaften (VLR), des Journalistenverbandes DJV als Stimmen der bei den Lokalradios angestellten Redakteure sowie aus der Politik ein Vertreter der FDP.

Die Forderungen der Bürgerfunker*innen werden nur durch einen sehr kurzen O-Ton des medienpolitischen Sprechers der Grünen aufgenommen. Bürgerfunker selbst kommt nicht zu Wort, obwohl ein Vertreter Stellung genommen hatte.

1) Der Vertreter der FDP behauptet, es gebe „Studien“, die nachwiesen, „dass ‚die Hörer‘ abschalten“, wenn Bürgerfunk komme. Ein Nachweis, dass die Verlegung des Bürgerfunks vom frühen Abend auf die Zeit nach 21 Uhr zu signifikant besseren Einschaltquoten der Lokalradios geführt hat, fehlt. Die Behauptung der Verantwortlichen der Lokalradios, eine Vorverlegung des Bürgerfunks führe zu Schäden, wird ebenfalls nicht belegt.

2) Die Beiträge behaupten, die Hörer wollten zwischen 18 und 21 Uhr lokale Nachrichten und Informationen anstatt Bürgerfunk – obwohl um diese Zeit keine lokalen Programmelemente mehr ausgestrahlt werden, sondern das Rahmenprogramm von Radio NRW .

Es fällt auf, dass die Verantwortlichen der Lokalradios derzeit zwar wohl wirtschaftlich zu argumentieren versuchen, aber dabei nur einen Teil der Wettbewerbssituation anführen. Nicht nur fehlt ein Beleg dafür, dass es ausgerechnet die Bürgerfunkzeiten sein sollen, die zu Nachteilen führen würden, wenn sie auf 18 Uhr verlegt würden. Es fehlt auch eine nachvollziehbare Einordnung, in welchem Verhältnis dieses Wettbewerbselement zu dem Wettbewerb mit der öffentlichen-rechtlichen 1live–Jugendwelle des WDR steht. Ungeklärt ist zum Beispiel, ob vor dem Hintergrund dieses Wettbewerbs Hörer-Abwanderungen, die einer früheren Bürgerfunksendezeit – angeblich – folgen sollen, wirtschaftlich überhaupt ins Gewicht fallen würden. Ferner, ob es den Lokalradios NUR mit Hilfe der Beibehaltung der jetzigen Sendezeiten gelingen kann, dem entgegen zu wirken.

Der Bürgerfunk ist als lokale publizistische Ergänzung bzw. Vielfaltsreserve definiert. Er existiert nur deswegen im Lokalfunk, weil das private Lokalfunkmodell in NRW einen doppelten Monopolstatus hat (keine andere, landesweite private Konkurrenz auf UKW, Verlegerprimat in den Betriebsgesellschaften).

Die Verantwortlichen der Lokalradios müssen dazu Stellung nehmen, bevor sie apodiktisch nur den Status Quo verteidigen.

8 Gedanken zu „On-Air-Kampagne der Lokalradios gegen den Bürgerfunk

  1. Klaus Aßhoff

    Eine Frage, Frau Kannenberg: Der Bürgerfunker ist ein Bürger, der Radio macht. Wie kann er als Bürger ein Amateur sein? Sie suggerieren den Hörern mit der Bezeichnung „Amateur“ das Gegenteil: Nämlich einen Laienspieler als Radiomacher, der kein „bürgerliches“ (der Meinungsvielfalt und dem Lokalgeschehen verbundenes) Interesse hat und sich mutwillig und „stolz“ über Ihr Mikrofon aufdrängen will. Ein Zerrbild! Aber, wenn Sie drauf bestehen, noch eines: Sie wissen so gut wie alle Hörer, dass nicht nur der Kuchen vom Konditor schmeckt.

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  2. Klaus Lenser

    Diese Berichterstattung ist manipulativ, oberflächlich und für die „Profis“ eher beschämend, weil die Betroffenen gar nicht zu Wort kommen – üble Propaganda gegen die „Amateure“ – schon allein dieser Begriff ist abwertend – genauso wie „sogenannter Bürgerfunk“. Bei der Demo auf der Dom-Platte war ich dabei und kann mich erinnern, dass die Medienexperten der SPD- und der Grünen-Landtagsfraktion solidarisch neben und vor uns auf der kleinen Bühne – auf jeden Fall zu uns standen, also mit uns gegen die Verschlechterungen für den Bürgerfunk demonstrierten.
    Für den ardev. Dortmund unterzeichne ich die Erklärung.
    Freundliche Grüße
    Klaus Lenser

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  3. M. Schirmer

    Ein altes deutsches Sprichwort sagt: „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.“ Den Lokalradios mangelnde Ausgewogenheit in der Berichterstattung vorzuwerfen, klingt für mich wie Hohn. Nicht nur die Lokalradios haben einseitig berichtet, auch die Bürgerfunker haben die Lokalradios für ihre Forderungen missbraucht und ihre Forderungen in ihren Sendungen vorgetragen, ohne die Gegenseite zu Wort kommen zu haben.

    Ein weiteres Sprichwort sagt: „Wenn sich zwei streiten, dann freut sich der Dritte“. In dem Fall ist der Dritte der WDR. Wenn ‚Radio NRW‘ höheren Gewinn erwirtschaftet, dann freut es den WDR, denn dieser ist mit 24,9 % an dem Rahmenprogrammanbieter beteiligt. Wenn die Lokalradios Hörer verlieren, freut es auch den WDR, denn die einzige Alternative zum Lokalradio ist in vielen Teilen Nordrhein-Westfalens die öffentlich-rechtliche Anstalt mit Sitz in Köln. Wenn sich die Lokalradios und die Bürgerfunker streiten, gewinnt der WDR. Die Streitparteien sind auf jeden Fall die Verlierer.

    Ein weiser Chefredakteur sagte mir einmal, wenn es Probleme gibt, dann sprechen wir gemeinsam darüber. Wir tragen den Streit nicht über den Sender, die Tageszeitung oder das Internet aus, wir sprechen darüber. Ich wünschte mir mehr solche Chefredakteure im Land, aber auch mehr Bürgerfunker, die verstanden haben, dass wir alle in einem Boot sitzen. Steigen die Bootsleute auf Schiffe um, so sind zwei Kriegsschiffe auf Abfangkurs. Ich hoffe, dass weder die Chefredakteure noch die Bürgerfunker baden gehen. Beide Interessengruppen haben bewiesen, dass sie miteinander nicht kommunizieren können. Das wäre die bessere Lösung. In etwa zwei Wochen wird hoffentlich das Kriegsbeil begraben und es kehrt Friede ein.

    Als Podcaster, Webradio- und Bürgerfunkmacher weiß ich, dass es keine Alternative zu UKW gibt – noch nicht heute. Vielleicht in der Zukunft. Die LfM NRW kann noch so schöne Webseiten für die Bürgermedien zaubern, diese sind ein netter Zusatz, aber keine Alternative! Alle, die etwas anderes erzählen, verfolgen ihre Wirtschaftsinteressen. Wenn Webradio so toll ist, dann sollen die Lokalradios UKW den Bürgermedien überlassen und selber nur noch im Internet senden. Ist doch wesentlich billiger, dann ist der Gewinn größer, das freut auch die Verleger im Land.

    Lokalnachrichten und Werbung können die NRW-Lokalradios bereits seit 2009 in der Bürgerfunkstunde senden, das steht im Landesmediengesetz. Die Lokalradios müssen auf keine Werbeeinnahmen verzichten. Einige Lokalradios machen davon Gebrauch, einige wollen keine Programmvermischung.

    Die Stundenreichweiten der NRW-Lokalradios sind ein Geheimnis. Die Werbepreise nicht. Die Lokalradiovermarkter geben in den Preislisten freiwillig ihre Stundenreichweiten bekannt. Eigentlich müsste der Bürgerfunk am Sonntag bereits am zwischen 14 und 17 Uhr gesendet werden, denn in dieser Zeit haben die Lokalradios die meisten Hörerverluste. Bei einigen Lokalradios kehren die Hörer in der Bürgerfunkstunde zurück, aber nur bei den Sendern, die Bürgerfunk ausstrahlen. Bei den meisten Lokalradios wird am Sonntagnachmittag Radio NRW übernommen. Das Programm hat weniger Wortbeiträge als ein Musikstreamingdienst und der Inhalt passt in 140 Zeichen einer Twitter-Meldung. Hat das größte Privatradio Deutschlands keine Idee, wie man Hörer bindet? Die Bürgerfunker binden gerne ihre Hörer an die Lokalradios, gibt uns mehr Sendezeit!

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    1. LBF Beitragsautor

      Lieber Marek, es geht nicht um die Einseitigkeit der Beiträge. Es geht darum, dass im Vorfeld Ausgewogenheit angekündigt wurde. Und die ist nun wahrlich nicht gegeben. Einseitige Beiträge gibt es im Bürgerfunk zuhauf, da hast du Recht – der Bürgerfunk ist ja auch Meinungs- und Ergänzungsmedium. Aber Ausgewogenheit anzukündigen und dann einseitig zu berichten – das nenne ich journalistisch unredlich. Gabi Fortak

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  4. Conny Rupp

    Kein Wunder, dass die Sozialdemokratie nicht so richtig politisch erfolgreich ist in den letzten Jahren neben Merkel & Co. Sie scheinen sich an denselben Hauptleitlinien zu orientieren: Wenn es ernst wird – Drohung mit dem potentiellen Verlust von Arbeitsplätzen -, wenn auch ungerechtfertigt oder nicht nachgewiesen wie hier, scheint das vor dem demokratischen Einfluss der betroffenen Basis zu rangieren. Sorry – dieses Denken können „die Anderen“ sowieso besser… Wieder einmal fein unter Beweis gestellt ^^
    [Sarkasmus OFF]

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  5. Lendzian

    Erinnert sich niemand an die Zeit, als der Bürgerfunk von 18 bis 20 Uhr ausgestrahlt wurde? Manchmal auch vormittags oder nachmittags? Ist denn damals die Welt untergegangen? Nein, den Lokalradios ging’s gut und den Bürgerfunkern auch.
    Eigentlich, liebe SPD, geht es doch nur darum, eine falsche Entscheidung – die Verlegung in den späten Abend – wieder zu korrigieren. Auch wenn es einige Zeit dauern wird, die Verprellten und Demotivierten wieder zu begeistern. Denn den besten Bürgerfunk haben doch die gemacht, die wußten, dass sie gehört werden.

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    1. Klaus Blödow

      Liebe Tina,

      schön, dass Du Dich auch zu Wort meldest, als ehemalige Vorsitzende des Radiofördervereins „medienforum münster e. V.“. Wie du selber weißt, kämpfen wir als aktive BürgerfunkerInnen seit Anbeginn (naja, nicht sofort seit Anbeginn) gegen Anfeindungen der Verleger, die ja politisch die kommerziellen Lokalradios betreiben, „Bürgerfunk als Stör-und Abschaltfaktor“, gegen Sendezeitverschiebungen und Aussetzungen des BFs bei Sportveranstaltungen, sei es lokal, bundes-, europa- oder weltweit, wie jetzt mal wieder zur WM oder anderer Events von Radio NRW, wie z. B. Hitmarathon oder ähnlich „wichtiger“ Veranstaltungen, die nicht mal einen „lokalen Bezug“ haben etc. Da wird von Radio NRW oder den Chefredakteuren (die zum Teil selber mal BürgerfunkerInnen waren) nach Gutsherrenart entschieden, dass der BF auszufallen habe. Zwar mit Kompensierung, also nach der eigentlichen BF-Sendezeit (entweder nach 22 oder nach 20 Uhr/ sonn- und feiertags).

      Und jetzt wieder dieses Gehampel der SPD, die den Interessen und der Propaganda der Verleger, der Chefredakteure, der Opposition, der DJV und anderen auf den Leim geht, einknickt und ihre Wahlversprechen, auch gegenüber uns, den BürgerfunkerInnen, bricht! Wo bleibt da der Aufschrei, auch derjenigen, die den Bürgerfunk mitbegründet haben (auch schon 2007), mit der konsequenten Entscheidung, zu sagen „Jetzt reicht´s!“. Entweder ihr gebt uns wieder die alten Sendezeiten, eine angemessene finanzielle Ausstattung, die einen qualitativ guten Bürgerfunk zu einer bürgerInnenfreundlichen Sendezeit ermöglicht (und das wäre mindestens vor 20 Uhr). Oder ihr gebt jetzt endlich den Bürgerinnen und Bürgern eine eigene Frequenz und zwar eine terristische auf UKW oder eine (Zukunft) digitale terrestrische Frequenz, die es ermöglicht, nichtkommerzielle Lokalradios zu betreiben. Wie immer das in der jetzigen Situation verwirklicht werden kann.

      Was wir jetzt als verbliebene BürgerInnenfunkerInnen tun können, ist der Abwehrkampf (wie schon immer) der herrschenden Verhältnisse oder ein anderes Faß aufmachen! Früher gab es Piratenradios gegen die herrschende Mediakratur, die wurden gejagt, verfolgt und kriminalisiert. Heute gibt es die digitalen Frequenzen, holen wir sie uns! Und was die kommerziellen Lokalradios angeht, dann laßt uns doch das „Zweisäulenmodell“ doch den Bach, die Aa, den Rhein runtergehen lassen, dann müssten Sie ihr ganzes Lokalfunkmodell aufgeben und sich was Neues ausdenken und sich in den Wettbewerb begeben, also worstcase für den Kommerz (Rücknahme der Lizensierungen der Frequenzen). Klar, die Frage ist, ob die politische Klasse, also die sogenannten demokratischen Parteien und so, das mitmachen werden. Ich gehe davon aus, dass nicht! Die werden bis auf wenige Ausnahmen – immerhin gibt es sie noch – den privaten Kommerziellen den Vorzug geben, dafür ist der Lobbyismus der Wirtschaft zu groß, den es allerdings zurückzudrängen gilt!!!! Die Frage, die sich hier stellt: Sind wir bereit und genug, hier die die basisdemokratisch-medienpolitischen Forderungen durchzusetzen und so wie in anderen Bundesländern Freie Radios und/ oder NKLs zu etablieren?! Mir selber wäre das am liebsten, da ich keine Ambitionen und Illusionen mehr habe, diesen Abwehrkampf weiter zu führen (der entzieht uns nur die Lebenskraft und Kreativität), der evtl. zu einem sog. Kompromiß, der ja eigentlich keiner ist, sondern eher ein Diktat der „Gutsherren“.

      Einen lieben Gruß aus Münster
      Klaus

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  6. LBF Beitragsautor

    Lieber anonymer „Radio-Amateur“, lass uns doch mit offenen Karten spielen. Kritische Nachfragen gerne, aber dann steh doch auch persönlich dazu. Die Antwort auf deine Frage findest du hier.

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